Kino Reitschule
20.00 «Au coeur de la proximité», Nicole Petitpierre, CH 2009, 39 min, F/d
Sie säen, sie jäten Unkraut, sie pflücken, sie ernten und sie erhalten ihren wöchentlichen Gemüsekorb. Wenn Konsument_innen Genossenschafter_innen werden, treten sie in eine andere Dimension ein, jene der regionalen Vertragslandwirtschaft. Im Herzen dieser Idee leben menschliche, soziale und ökologische Werte wieder auf und neue Dynamiken entstehen zwischen Produzent_innen und Konsument_innen. Tausende von Personen beteiligen sich in der Westschweiz an Vertragslandwirtschaftsprojekten, Hunderte weitere befinden sich auf einer der vielen Wartelisten und hoffen, bald Mitwirkende der einen oder anderen Initiative zu werden, welche auf und aus den Feldern ihrer Umgebung wachsen. Dieser Film zeigt die Begegnungen mit Produzent_innen und Konsument_innen, und deckt die Leidenschaften und Motivationen auf, die sie dazu gebracht hat, diese neue Art des Verkaufs und des Kaufs anzunehmen.
Auch ennet dem Röstigraben sind ähnliche Projekte am Entstehen, so beispielsweise in Bern und Winterthur. Realisiert wurde die deutschsprachige Version auf Anregung der Tour de Lorraine mit der Unterstützung von attac bern, Uniterre und der Fédération Romande de l’Agriculture Contractuelle de Proximité (FRACP), welche einen Grossteil der Finanzierung übernommen hat – sozusagen als «Entwicklungshilfe» für ähnliche Projekte in der deutschsprachigen Schweiz.
21.00 «The Yes Men Fix the World» (CH-Premiere), Andy Bichlbaum und Mike Bonanno, USA 2009, 87 min, E/d
The Yes Men sind eine Netzkunst- und Aktivistengruppe, die Kommunikationsguerilla betreibt und mit einer Fälschung der Webseite der WTO bekannt wurde. Sie geben sich als Repräsentanten internationaler Konzerne oder Institutionen aus und karikieren mit übertriebenen Forderungen auf Konferenzen deren Ziele. Bereits ihr erster Film aus dem Jahre 2004 sorgte damit für grosses Aufsehen.
Mit ihrem neuen Film “The Yes Men Fix the World“, der an der Tour de Lorraine als CH-Uraufführung gezeigt wird, dokumentieren die Yes Men weitere Beispiele ihres bewährten Ansatzes, etwas zu bewegen: So verlangen sie – mittlerweile als prominente Regisseure auf rotem Teppich – am Berliner Filmfestival, an welchem ihr neuer Film aufgeführt wurde, vom Haupt-Sponsor BMW, keine Autos mehr zu produzieren. Dafür werden sie von Sicherheitsleuten eines weiteren Sponsors, eines Security-Dienstleisters, unzimperlich festgenommen. Ausserdem beendeten sie mit einer selbstproduzierten Ausgabe der New York Times den Irak-Krieg. Schön zu sehen, wie sehr das die Menschen in New Yorks Strassen erleichtert. Oder sie geben eine Pressemeldung für Dow Chemicals heraus, in welcher sie ankündigen, Verantwortung für die Bhopal-Chemie-Katastrophe zu übernehmen, worauf der Aktienwert des Unternehmens gleich um 2 Milliarden sinkt!
Diese Methode, über Vortäuschung von Identität, semantische Umkehrung und Ausnützung der Massenmedien Aufmerksamkeit über die Verbrechen von Multis und deren Institutionen zu erregen, ist das Markenzeichen der Yes Men. So witzig die Aktionen auch sein mögen, es gefriert einem das Blut in den Adern, wenn man Einblicke hinter die Kulissen der Konzerne bekommt. So versucht der Film in humoristischer Art auch Aufklärung zu betreiben. Gefüllt mit intelligentem anarchischem Humor zeigt der Film, wo die Profiteure von diesem zerstörerischen System sitzen und dass diese angreifbar sind.
22.45 „Strike Bike – eine Belegschaft wird rebellisch», Robert Pritzkow, Laines Rumpff und Jan Weiser, D 2008, 45 min
Voller Wut im Bauch besetzte die Belegschaft der Fahrradfabrik Bike Systems in Nordhausen am 10. Juli 2007 ihren Betrieb. Mit dem Beschluss des neuen Eigentümers, das Werk an diesem Tag komplett zu schliessen, hatten sich die 135 Frauen und Männer in Thüringen schon fast abgefunden. Als ihnen die Geschäftsführung an diesem Tag aber mitteilte, dass Lone Star nicht mal mehr die Abfindungen und die ausstehenden Löhne bezahlen wollte, war das Mass voll.
Was folgte, war eine offiziell 115 Tage andauernde Betriebsversammlung. Die Belegschaft knüpfte Kontakte, veranstaltete Demos und Feste, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Als Höhepunkt organisierten die Streikenden noch einmal eine Fahrrad-Produktion. Die 1800 „Strike Bikes“ stellten sie in Eigenregie in ihrem Betrieb her.
Im Zentrum der Dokumentation „Strike Bike – Eine Belegschaft wird rebellisch“ stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter von Bike Systems. Sie kommen selbst zu Wort und erzählen ihre Geschichte. Sie berichten über die Schwierigkeit, eine Betriebsbesetzung zu organisieren und wie die Idee geboren wurde, ein Fahrrad zu produzieren. Ebenso geben sie Auskunft darüber, warum nach nur einer Woche wieder Schluss war. Was am Ende bleibt, ist die aussergewöhnliche Erfahrung, die die Kolleg_innen gemeinsam gesammelt haben – und ein rotes Fahrrad, das beweist, dass Selbstverwaltung der Produktion funktionieren kann.
23.45 «Superhelden», Janek Romero, D 2008, 65 min
Als Comic-Helden Verkleidete plündern Delikatessgeschäfte und verteilen die Beute an Kindertagesstätten, Praktikant_innen, Ein-Euro-Jobber_innen und Putzfrauen, an Leute, die sich in unsicheren Lebensumständen befinden. Kathie, eine Studentin mit drei Nebenjobs, räumt den Müllcontainer des Biomarkts aus, um ihren beiden Kindern ein anständiges Essen kochen zu können: Von diesen Superhelden, von den prekären Lebensverhältnissen der jungen Mittelschicht in Deutschland, von Anpassung und Resignation handelt der in Hamburg gedrehte Dokumentarfilm.
In einer Pressemitteilung schreiben die Superhelden, dass sie angesichts übermässigen Reichtums in Deutschland nicht länger bereit seien, sich mit Armut, sinkenden Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen abzufinden, und sprechen von der «Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums». «Es wird keine gesellschaftliche Veränderung ohne Ungehorsam und Rebellion geben», sagt einer der Superhelden in die Kamera.
«Superhelden» erzählt die Geschichten von jungen Menschen, die um ihre Perspektiven in ihrem Leben kämpfen: Mehrfachbelastungen, Leben am Rande der Armut bei der jungen Mutter Kathie, und der aktive Protest der Gruppe Superhelden, der in aufsehenerregende Aktionen mündet. «Die Frage danach, ob es Sinn macht», sagt einer der Superhelden, «finde ich eingeschränkt. Es macht einfach Spass, sich zu wehren und zu rebellieren und mit anderen zusammen etwas zu entwickeln.»
01.00 «Table Bed Chair», Robert Hack und Jakob Proyer, Ö 2007, 31 min, E/Hol/e
Table Bed Chair ist ein Dokumentarfilm über die Hausbesetzer_innen-Szene Amsterdams. Seit den späten 1960ern wird das Besetzen leer stehender Häuser in den Niederlanden toleriert. Gebäude, die länger als ein Jahr leer stehen, können laut Gesetz besetzt werden. Tisch, Bett und Sessel reichen aus, um den Hausfrieden im neuen Heim zu etablieren.
Obwohl die Blütezeit der Bewegung in den 80er-Jahren anzusiedeln ist, gilt immer noch der permanente Wohnungsmangel als grundlegende Bedingung für die Existenz der Kraakerbewegung. Table Bed Chair skizziert sowohl die ausserordentliche gesetzliche Situation der Niederlande als auch eine Alternative zu bestehenden Gesellschaftsstrukturen. In Kombination mit Einblicken in die impulsive Geschichte der Besetzer_innen, wirft der Film einen Blick auf ihre ausgeprägten autonomen Strukturen und auf gängige Praktiken.
Der Film ist auf englisch und holländisch gesprochen und hat englische Untertitel.
01.45 Die längst fällige Tele G Retrospektive! Satirische Fernsehbeiträge von Guido Henseler
Tele G ist der Kultursender ohne festen Sendeplatz. Legendär sind vor allem seine Beiträge an der jährlichen Preisverleihung der Big Brother Awards. In Bern sorgte Tele G vor zwei Jahren mit seiner Reportage zum Bahnhofsreglement für Aufsehen. Chefredaktor von Tele G ist seit Jahr und Tag Guido Henseler, der nebenbei auch als Regisseur, Moderator, Texter, Kameramann, Tonmann und Cutter arbeitet und zudem Verwaltungsratspräsident des grossartigen Kultursenders ist.
Tele G arbeitet mit den Mitteln des Fernsehens (Off-Text, Quotes, Sendeerkennung, Namenseinblender usw.), persifliert aber das Medium Fernsehen mit einem überzeichneten Off-Text, der den “Darsteller” als wichtige Person erscheinen lässt. Der Off-Text bietet Tele G die Möglichkeit, zu übertreiben und zu manipulieren. Tele G thematisiert somit das Verhältnis zwischen Bild und Ton, Wirklichkeit und Fiktion und das (im Guten wie im Schlechten) manipulative Potenzial des Fernsehens an sich.
Mit der längst fälligen Retrospektive stellt Guido Henseler sein vielseitiges Schaffen der letzten zehn Jahre dem Tour-de-Lorraine-Publikum vor.